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Der Beweis durch Widerspruch

Was ist der Beweis durch Widerspruch?

Um eine Aussage zu verifizieren kann man sich in der Mathematik vieler allgemeiner Beweis-Methoden bedienen. Eine davon ist etwa das sehr intuitive Schubfachprinzip. Auch der Beweis durch Widerspruch ist eine recht anschauliche Beweis-Methode, die in vielen Fällen Verwendung findet.

Oft ist dabei der Beweis durch Widerspruch, oder auch “indirekter Beweis”, sogar leichter zu führen als der “direkte”.

Und wie funktioniert das?

Nehmen wir einmal an, wir wollen die Aussage A beweisen (zum Beispiel: “Es gibt unendlich viele Primzahlen” oder “Ein Schachbrett, auf dem zwei gegenüberliegende Ecken verdeckt sind, lässt sich nicht lückenlos mit 2×1-Dominosteinen überdecken”). Der direkte Beweis, das heißt die “direkte” Folgerung der Aussage aus anderen, schon bekannten Aussagen, will uns dabei aber nicht gelingen oder ist zu aufwändig. Dann können wir einen Umweg gehen, und die Gültigkeit der Aussage A indirekt beweisen. Die Artikelüberschrift verrät, dass ein Widerspruch dabei die zentrale Rolle spielt.

Wir betrachten dazu die Negation der Aussage A, das heißt \neg A. Nun versuchen wir, mit Hilfe von bereits bekannten Tatsachen und gültigen Umformungen und Schlussfolgerungen, aus \neg A einen Widerspruch herzuleiten. Gelingt uns dies, dann wissen wir: Wäre die Aussage A nicht wahr, dann könnten wir – mit gültigen Schlüssen – widersprüchliche Aussagen beweisen.

Gehen wir davon aus, dass die Mathematik widerspruchsfrei ist (So gutgläubig [1] muss man sein, auch wenn das nachgewiesenermaßen nicht beweisbar ist.), so muss dann die Aussage A wahr sein!

Ein erstes Beispiel

Als Anwendung zeigen wir nun, dass sich ein Schachbrett nicht lückenlos mit Dominosteinen überdecken lässt, die 2×1 Felder groß sind, wenn zwei gegenüberliegende Ecken des Brettes nicht belegt werden dürfen (z.B. weil sie verdeckt oder ausgeschnitten sind).

Ein Schachbrett, auf dem die Felder a1 und h8 ausgeschnitten sind.

Zwei gegenüberliegende Ecken fehlen dem Schachbrett

Wir nehmen dazu an, das Schachbrett ließe sich mit solchen 2×1-Dominos lückenlos überdecken. Betrachten wir das Brett nicht nur als ein 8×8 Felder großes Raster, sondern beachten auch die abwechselnd schwarz und weiß (bzw. rot und blau, Schach ist bunt!) gefärbten Felder, so stellen wir fest: Jeder Dominostein bedeckt genau ein Feld jeder Farbe, das heißt in unserem Fall genau ein rotes und ein blaues Feld. Zählen wir die roten und blauen Felder, dann bemerken wir dabei auch schnell, dass es 32 blaue, aber nur 30 rote Felder gibt. (Zählen müssen wir gar nicht, und auch die konkreten Anzahlen sind unwichtig: Auf dem normalen Schachbrett, bevor wir die Eckfelder ausgeschnitten haben, gibt es gleich viele Felder jeder Farbe, die beiden entfernten Eckfelder waren beide rot. Also gibt es jetzt zwei rote Felder weniger als blaue, mehr müssen wir nicht wissen.)

Und das ist auch schon unser Widerspruch! Mit jedem Dominostein verdecken wir ein rotes und ein blaues Feld, niemals jedoch zwei blaue. Die angenommene lückenlose Überdeckung kann es nicht geben, da sonst (mindestens) ein Dominostein mehr blaue als rote Felder überdecken müsste.

Ein zweites Beispiel

In diesem zweiten Beispiel wird noch klarer, was der Widerspruch eigentlich bedeutet. (Im ersten Beispiel hätte man mit Hilfe der Farben der Felder auch noch “direkter” vorgehen können.) Wir wollen zeigen, dass es unendlich viele Primzahlen gibt.

Unsere Annahme ist jetzt also, es gäbe nur endlich viele Primzahlen. Dann muss es auch eine größte Primzahl geben, denn könnten wir zu jeder Primzahl eine noch größere finden, dann gäbe es eben mehr als endlich viele Primzahlen. Wir nennen diese (hypothetisch existierende) größte Primzahl P und betrachten dann das Produkt

1 \cdot 2 \cdot 3 \cdot 4 \cdot \ldots \cdot P = P!

aller Zahlen von 1 bis einschließlich P (siehe: Fakultät). Addieren wir zu dieser (riesig großen) Zahl P! nun noch 1 dazu, so erhalten wir eine Zahl P! + 1, die durch keine der Zahlen 1, 2, 3, 4, \ldots, P teilbar ist. Denn beim Teilen durch eine dieser Zahlen lässt P! + 1 offenbar immer den Rest 1.

Wir wissen aber, dass jede Zahl sich als Produkt von Primzahlen schreiben lässt. Da P die größte Primzahl ist, müsste also eine der Zahlen 1, 2, 3, \ldots, P ein Teiler von P! + 1 sein.

Wir konnten aus der Annahme, es gäbe nur endlich viele Primzahlen, also sowohl herleiten, dass P! + 1 durch eine der ersten P natürlichen Zahlen teilbar ist, als auch, dass dies nicht der Fall ist. Ein Widerspruch!

Die anfängliche Annahme kann also nicht richtig sein, es muss demnach unendlich viele Primzahlen geben.

 

Mit einem Zitat von G. H. Hardy (Schachspieler und Mathematiker) zum Beweis durch Widerspruch schließt sich der Kreis in Bezug auf das erste Beispiel: “[Er] ist eine der schärfsten mathematischen Waffen. Dies ist ein weit kühnerer Zug als jedes Gambit im Schach; ein Schachspieler opfert dabei einen Bauern oder eine Figur, ein Mathematiker riskiert das ganze Spiel.”

 

Fußnoten

[1] “Gott existiert, weil die Mathematik widerspruchsfrei ist, und der Teufel existiert, weil wir das nicht beweisen koennen.” – André Weil

Erweiterung des Lemmas von Bézout

Nach einiger Zeit komme ich nun (endlich) mal wieder dazu, einen Artikel hier zu veröffentlichen.
Diesmal handelt es sich um einen Beweis einer Erweiterung von Bézouts Lemma,
den ich vor einigen Wochen fand, als ich mich mit einer Aufgabe aus der zweiten Runde des Bundeswettbewerbs Mathematik rumschlug.

Ich hoffe, einen zwar recht kurzen aber dennoch interessanten Artikel geschrieben haben zu können.

Neben der nicht mehr ganz so anschaulichen Formulierung gibt es eine weitere Besonderheit:
Diesmal steht der Artikel als PDF-Datei zum Download zur Verfügung:
http://mathe.florian-severin.de/downloads/bezout.pdf

Viel Spaß damit!

Turm von Hanoi

Turm von HanoiVon mathegenius inspiriert möchte ich nun, wie dort angekündigt einige Überlegungen zum Turm von Hanoi anstellen und vorführen.
Wer die Legende noch nicht kennt, sollte sich diesen Artikel (von mathegenius) ansehen.
Etwas verallgemeinert werde ich in diesem Artikel Überlegungen für beliebig viele Scheiben anstellen, nicht nur für die ursprünglichen 64.
Eine Frage, die sich stellt ist natürlich die nach der Anzahl der nötigen Schritte.
Diese Frage wollen wir zunächst für einige wenige Scheiben beantworten, und dann verallgemeinern.

Wir benennen die drei Stapelplätze dafür zunächst mit A, B und C. Auf dem Platz A liegen die Scheiben in der Ausgangsposition, Ziel soll es sein, sie auf den Platz B zu verlegen. Die Scheiben seien mit 1 bis n benannt, je kleiner die Ziffer dabei ist, desto kleiner sei auch die Scheibe.

Für eine Scheibe ist die Lösung trivial, trotzdem sei sie hier genannt:
Man verschiebt einfach die Scheibe von A nach B.
Wir benötigen einen Schritt.

Auch zwei Scheiben sollten noch kein Problem darstellen:
A --> C
A --> B
C --> B

Dafür brauchen wir drei Schritte.

An die Aufgabe, einen Turm aus drei Scheiben zu verschieben wollen wir systematischer herangehen.
Wie machen wir das?
Naja, wenn wir es irgendwie schaffen könnten, die untere, größte Scheibe auf den Platz B zu befördern, hätten wir unser Problem reduziert. Nun müssten nur noch die beiden Scheiben von A nach B verschoben werden – die Lösung dafür haben wir schon.
Also gut, wir haben den Plan, die große Scheibe auf Platz B zu bringen. Was müssen wir dazu tun? Klar, der Platz B darf nicht belegt sein. Außerdem muss die große Scheibe zum Bewegen frei sein. Wohin mit den Scheiben 1 und 2?
Hm, Glück gehabt, Platz C ist noch nicht benutzt in unserem Gedankenspiel!
Das einzige, was noch zu erledigen ist, ist nun also, die beiden kleineren Scheiben auf Platz C zu verlegen.
Auch das ist aber nicht schwierig – wie man zwei Scheiben verschiebt wissen wir schließlich.
Aber funktionieren auch alle unsere Schritte, ist zwischendurch vielleicht doch ein Platz belegt, den wir vergessen haben?
Versuchen wir einfach mal, alles zusammen zu puzzeln.

  1. Verschiebe die beiden oberen Scheiben nach C.
    Das geht in jedem Fall, wir ignorieren einfach die unterste Scheibe und führen dann unsere Lösung für zwei Scheiben durch – wobei natürlich C statt B zu benutzen ist.
  2. Lege die große Scheibe von A nach B.
    Das geht auch, schließlich liegen die anderen beiden Scheiben auf C.
  3. Verschiebe die beiden Scheiben von C nach B.
    Auch das funktioniert wieder, mit der Lösung für zwei Scheiben.

Wieviele Verschiebungen benötigen wir nun dafür?
Für den ersten Schritt sind es drei, wie wir zuvor herausgefunden haben.
Der zweite Schritt ist nur eine einzige Verschiebung.
Und der dritte Schritt ist wieder eine Bewegung von zwei Scheiben, benötigt also insgesamt ebenfalls drei einzelne Verschiebungen.
Zusammen macht das also sieben Züge.

Aber mit vier Scheiben wird es vielleicht etwas kniffliger. Schließlich können die vier Scheiben ja auch einen Platz mehr blockieren – oder?
Probieren wir einfach mal das gleiche System aus, wie bei drei Scheiben:

  1. Verschiebe die drei oberen Scheiben von A nach C.
    Hm. Das ist lösbar, haben wir ja schon gesehen.
    Wir benötigen sieben Verschiebungen.
  2. Verschiebe die vierte Scheibe auf Platz B.
    Auch das ist möglich, die anderen Scheiben liegen ja auf Platz C. Machbar in einer einzigen Bewegung.
  3. Zum Abschluss, verschiebe die drei Scheiben, die auf C zwischengelagert waren auch nach B.
    Das kostet wiederum sieben Schritte.

Insgesamt brauchen wir also 2 \cdot 7 + 1 = 15 Züge.

Das sollte erstmal reichen. Jetzt versuchen wir noch, das Prinzip ganz allgemein zu beschreiben.
Dabei wollen wir auch sofort herausfinden, wie viele Züge nötig sind.
Führen wir dafür erstmal eine Benennung ein:
Sei also S(n) die Anzahl der Schritte, die benötigt werden, um n Scheiben zu verschieben.

Nun stellen wir uns vor, wir haben einen Turm aus n Scheiben. Für n = 1 geben wir die triviale Lösung vor, alle weiteren Fälle wollen wir jetzt induktiv lösen.
Dazu nehmen wir an, dass wir den Wert von S(n - 1) kennen. Auch wie wir die n - 1 Scheiben von einem Platz auf den anderen verschieben setzen wir als bekannt voraus.

Jetzt soll es aber auch losgehen, wir beschreiben unser Verfahren:

  1. Wir schieben mit dem bekannten Verfahren für n - 1 Scheiben die obersten Scheiben von Platz A nach C.
    Dafür benötigen wir genau S(n - 1) Schritte.
  2. Wir legen die größte, gewissermaßen die “neue”, Scheibe auf Platz B.
    Das kostet eine einzige Verschiebung.
  3. Nun bewegen wir den hohen Stapel von C nach B, wofür wiederum S(n - 1) Züge nötig sind.

Damit haben wir aus der Lösung für n - 1 Scheiben eine Lösung für $$n$$ Scheiben erhalten!
Weil wir die (schnellste) Lösung für n = 1 schon kennen, finden wir also auch eine Zugfolge, um 2 Scheiben zu bewegen.
Daraus entwickeln wir dann den Weg für 3 Scheiben, woraus wiederum derjenige mit 4 Scheiben gefunden wird.
So geht es immer weiter, ad infinitum.
Großartig, wir können nun also den Turm von Hanoi lösen, und das für beliebig viele Scheiben!

Auch die Anzahl können wir bestimmen. Schließlich gilt, wie wir gerade gesehen haben, S(n) = 2 \cdot S(n - 1) + 1.
Daraus kann man S(n) = 2^n - 1 finden. Dass dieser Wert tatsächlich stimmt, ist noch etwas einfacher zu zeigen, als ihn herzuleiten; nämlich mit unserer Induktion.
Denn:
S(n) = 2 \cdot S(n - 1) + 1 = 2 \cdot (2^{n-1} - 1) + 1 = 2^n - 2 + 1 = 2^n - 1

Also ist diese Formel tatsächlich richtig.

Für die in der Legende genannten 64 Scheiben benötigt man daher S(64) = 2^{64} - 1 = 18.446.744.073.709.551.615 \approx 18 \cdot 10^{18} Verschiebungen.
Würde für jeden Zug eine Sekunde benötigt, so dauerte das Unterfangen (falls es nicht pausiert würde) etwa 584.942.417.355 Jahre an. Das entspricht den auch von mathegenius genannten 5,8 Milliarden Jahrhunderten [bis zum Ende des Universums ;)].
Unvorstellbar!

Das Schubfachprinzip

Das Schubfachprinzip ist eine recht einfache mathematische Beweismethode, die auch auf eine Vielzahl von nicht-mathematischen Aussagen angewendet werden kann. Die Vorgehensweise des Prinzips ist denkbar einfach:

Das Schubfachprinzip

Werden n Objekte auf m Mengen verteilt, so enthält mindestens eine der Mengen mehr als ein Objekt, falls n > m gilt.

Eine anschauliche Erklärung lässt sich mit Hilfe des Namens geben:

Wenn n Objekte (z. B. Kugeln) auf m Schubfächer verteilt werden sollen, so enthält mindestens eines der Schubfächer mehr als eine Kugel, falls es mehr Objekte als Schubfächer gibt (n > m).

Der Beweis ist recht einfach beispielsweise per Reductio ad absurdum (Beweis durch Widerspruch) [Wikipedia] zu führen:

Beweis

Angenommen, das Schubfachprinzip wäre falsch. Bei der Verteilung von n Objekten auf m Mengen würde also in jeder Menge nur höchstens ein Objekt enthalten sein. Darauf folgt, dass es nur höchstens n Schubfächer geben kann. Dies ist ein Widerspruch zu der Aussage n > m, also muss das Schubfachprinzip richtig sein.

Die Anwendung ist wie gesagt vielzählig. So kann mittels Schubfachprinzip beispielsweise bewiesen werden, dass es in einem Dorf mit 200 Einwohnern mindestens 2 Einwohner gibt, die gleich alt sind. Die Anzahl der Schubfächer (= die Anzahl der verschiedenen Altersjahre) kann höchstens so groß sein wie das Alter des ältestesten Einwohners. Da es keinen Menschen gibt, der über 200 Jahre alt ist, muss es mehr Einwohner als Schubfächer geben und somit müssen zwei Einwohner gleich alt sein.

Genauso kann man zeigen, dass es unter 400 Menschen immer mindestens 2 gibt, die am selben Tag Geburtstag feiern. (m = 365, n = 400)

Der Leser ist herzlich dazu eingeladen, weitere Tatsachen zu suchen und finden, die sich mit Hilfe des Schubfachprinzips beweisen lassen und in einem Kommentar zu ergänzen.

Auch jegliche andere Art von Kommentaren ist wie immer gern gesehen.